Die richtige Kleidung für Polarlichter
Beim Polarlichtschauen bewegen Sie sich kaum. Sie stehen zwei, drei Stunden auf einem gefrorenen See bei −15 °C oder an einem windigen Deich in Nordfriesland, und genau das macht die Kälte so tückisch. Die Ausrüstung fürs Skifahren reicht dafür meist nicht.
Warum Stillstehen so kalt ist
Beim Gehen produziert Ihr Körper ein Vielfaches der Wärme, die er im Stehen erzeugt. Sobald Sie stehen bleiben, kühlt er aus, zuerst an Füßen und Händen. Nach Mitternacht kommt die Müdigkeit dazu, und ein müder Körper friert schneller.
In Rovaniemi oder Kiruna sind im Januar nachts −10 bis −25 °C normal, Kälteeinbrüche unter −30 °C kommen vor. Tromsø und Reykjavík sind dank des Meeres milder, oft zwischen 0 und −8 °C, dafür feucht und windig. Nasse Kälte mit Wind fühlt sich nicht selten unangenehmer an als trockene −20 °C im Inland.
Das Zwiebelprinzip in drei Schichten
Wärme halten Sie mit eingeschlossener Luft, nicht mit einem einzigen dicken Mantel. Drei Schichten haben sich bewährt, jede mit eigener Aufgabe:
- Basisschicht: Langarmshirt und lange Unterhose aus Merinowolle oder Kunstfaser. Sie leitet Feuchtigkeit von der Haut weg. Baumwolle bleibt im Koffer.
- Mittelschicht: Fleece, ein Wollpullover oder eine dünne Daunen- oder Kunstfaserjacke. Bei −20 °C dürfen es auch zwei Lagen sein.
- Außenschicht: winddichte, großzügig geschnittene Jacke und Hose. Eine dicke Daunenjacke, die über alles passt, ist für lange Nächte ideal.
Der häufigste Fehler: verschwitzt ankommen
Viele frieren nicht, weil sie zu wenig anhaben, sondern weil sie auf dem Weg zum Beobachtungsplatz geschwitzt haben. Feuchte Wäsche leitet Wärme ab, und das merken Sie spätestens nach zwanzig Minuten Stillstand.
Gehen Sie deshalb eher leicht bekleidet los und ziehen Sie die dicke Jacke erst am Ziel an, oder öffnen Sie unterwegs die Reißverschlüsse. Bei geführten Touren gilt dasselbe: Wer schon im geheizten Bus voll eingepackt sitzt, steigt verschwitzt in die Kälte.
Füße: hier entscheidet sich die Nacht
Kalte Füße beenden mehr Polarlichtnächte als Wolken. Normale Winterschuhe aus der Stadt sind für −20 °C nicht gemacht. Sie brauchen Winterstiefel mit dicker Sohle und herausnehmbarem Filzinnenschuh, am besten eine Nummer größer, damit dicke Socken Platz haben und das Blut zirkulieren kann.
Ein Paar dicke Wollsocken genügt, eventuell mit einer dünnen Socke darunter. Mehr ist nicht besser, denn drückt der Schuh, frieren die Zehen schneller. Viele Unterkünfte und Veranstalter in Lappland verleihen Thermostiefel und Overalls, fragen Sie vor der Reise nach.
Auf Eis oder Schnee hilft ein Stück Isomatte unter den Füßen erstaunlich viel. Grödel zum Überziehen verhindern Stürze auf vereisten Wegen und Parkplätzen.
Hände, Kopf und Gesicht
Fäustlinge halten wärmer als Fingerhandschuhe, weil sich die Finger gegenseitig wärmen. Für die Kamera bewährt sich ein dünner Unterziehhandschuh: Fäustling kurz aus, Einstellung ändern, wieder hinein. Bei −25 °C kann nackte Haut an Metall festfrieren.
Eine Mütze, die die Ohren ganz bedeckt, dazu ein Schlauchschal oder eine Sturmhaube und die Kapuze darüber, schützt Kopf und Gesicht. Bei Wind sind Wangen und Nase die ersten Stellen, an denen Erfrierungen drohen.
Wärmepads für Hände und Füße kosten wenig und wirken. In Fäustlingen und Stiefeln halten sie mehrere Stunden, bei großer Kälte starten sie allerdings manchmal langsamer.
Akku, Thermoskanne und kleine Helfer
Kälte leert Akkus. Ein Handy kann bei −20 °C in kurzer Zeit von halbvoll auf null fallen. Tragen Sie Ersatzakkus und Powerbank in einer Innentasche nah am Körper.
Eine Thermoskanne mit heißem Tee oder Saft wärmt von innen. Alkohol dagegen erweitert die Blutgefäße in der Haut und lässt Sie schneller auskühlen, auch wenn er sich zunächst warm anfühlt.
Ein Klapphocker, eine Sitzunterlage und eine Stirnlampe mit Rotlicht machen lange Nächte angenehmer. Wer mit dem Mietwagen unterwegs ist, hat Decke und Reservekleidung im Kofferraum. In Lappland gehören Winterreifen oder Spikes ohnehin zum Mietauto, an einen vollen Tank für die Nacht weit draußen denkt aber nicht jeder.
Und in Deutschland?
Polarlichtnächte an Nord- und Ostsee sind selten so kalt wie in Lappland, doch der Wind wird gern unterschätzt. Am Deich bei 2 °C und kräftigem Nordwest friert man schneller als bei −10 °C in windstiller Lappland-Luft.
Die Nacht vom 10. auf den 11. Mai 2024 war mild, im Oktober 2024 war es schon herbstlich frisch. Wer zwischen November und März an der Küste auf Kp 6 wartet, sollte sich anziehen wie für einen langen Winterspaziergang und eine Schicht mehr einpacken. In den Alpen oder im Bayerischen Wald sind in klaren Winternächten −10 °C keine Seltenheit.
Packliste für eine Woche Lappland
Für eine Woche in Tromsø, Abisko oder Rovaniemi, ob in den Faschingsferien, den österreichischen Semesterferien oder den Schweizer Sportferien, reicht diese Grundausstattung:
- zwei Garnituren Funktionsunterwäsche, am besten aus Merino
- ein Fleece und eine dünne Isolationsjacke
- winddichte, wattierte Jacke und Hose oder ein Schneeanzug
- Winterstiefel mit Filzinnenschuh, eine Nummer größer
- drei bis vier Paar Wollsocken
- Fäustlinge und dünne Unterziehhandschuhe
- Mütze, Sturmhaube oder Schlauchschal
- Wärmepads, Thermoskanne, Stirnlampe mit Rotlicht
- Grödel für vereiste Wege
Häufige Fragen
Reicht meine Skijacke für Polarlichter? Für Tromsø oder Reykjavík meist ja, mit einer warmen Mittelschicht darunter. Für −20 °C in Kiruna oder Rovaniemi brauchen Sie zusätzlich eine dicke Isolationsjacke, denn beim Skifahren bewegen Sie sich, beim Polarlichtschauen nicht.
Kann ich Thermokleidung vor Ort leihen? In Lappland bieten viele Veranstalter und Unterkünfte Overalls und Stiefel an, bei Touren sind sie oft im Preis enthalten. Fragen Sie vorher nach, besonders für Kinder.
Was ziehen Kinder an? Dasselbe Prinzip, nur mit mehr Reserve. Kinder kühlen schneller aus und sagen es oft spät. Planen Sie kurze Beobachtungszeiten und Pausen im Warmen ein.
Wie schütze ich mein Gesicht bei −30 °C? Mit Sturmhaube und einer Kapuze, die den Wind abhält. Achten Sie gegenseitig auf weiße, gefühllose Stellen an Wangen und Nase, das sind erste Anzeichen von Erfrierungen.
Zuletzt geprüft am 16. Oktober 2026