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Polarlichter: Mythen, Irrtümer und was wirklich stimmt

Über kaum ein Naturphänomen kursieren so viele Halbwahrheiten wie über Polarlichter. Manche stammen aus alten Sagen, andere aus Instagram. Hier die Irrtümer, die uns von Leserinnen und Lesern am häufigsten begegnen, und was die Physik dazu sagt.

Mythos 1: Polarlichter gibt es nur bei klirrender Kälte

Die Temperatur am Boden hat mit Polarlichtern nichts zu tun. Sie entstehen in 100 bis über 300 Kilometern Höhe, weit über jedem Wetter. Kalte Nächte sind im Norden einfach oft klare Nächte, deshalb der Zusammenhang im Kopf.

In Tromsø liegt die Temperatur im Winter wegen des Golfstroms häufig nur knapp unter null Grad. In Kiruna oder Inari können es zur gleichen Zeit minus 25 °C sein. Polarlichter gibt es an beiden Orten gleichermaßen.

Mythos 2: Die beste Zeit ist Dezember und Januar

Die Polarnacht klingt verlockend, ist aber nicht automatisch die beste Wahl. Im Dezember ist es zwar lange dunkel, an der norwegischen Küste aber oft wolkig. Statistisch liegen die besten Monate rund um die Tag-und-Nacht-Gleichen.

Unsere Daten aus 21 Jahren zeigen das deutlich: In Tromsø ist September der Spitzenmonat, in Kiruna der März. Für die Herbstferien in Hessen oder Bayern ist das eine gute Nachricht, und Ende September ist es auch noch nicht so kalt.

Mythos 3: Polarlichter sind immer knallgrün

Auf Fotos ja, für das Auge nicht immer. Bei schwacher Aktivität sieht ein Polarlicht oft aus wie eine helle, gräuliche Wolke, die nicht vom Fleck kommt. Erst die Kamera mit langer Belichtung macht daraus das bekannte Grün.

Bei starker Aktivität sehen Sie die Farben dagegen deutlich: grün vom Sauerstoff in etwa 100 bis 250 Kilometern Höhe, rot vom Sauerstoff weiter oben, und an der Unterkante manchmal ein rosa oder violetter Saum vom Stickstoff. In Deutschland ist Polarlicht meist rot, weil wir nur die hohen Teile über dem Horizont sehen.

Mythos 4: In Deutschland sieht man Polarlichter nie

Das galt für viele lange als Gewissheit, bis zum 10. Mai 2024. In dieser Nacht wurden Polarlichter in ganz Deutschland fotografiert, im Oktober 2024 noch einmal bis in die Alpen. Auch in den Jahren davor gab es an der Nord- und Ostseeküste regelmäßig Sichtungen, nur ohne großes Medienecho.

Wahr ist: Es braucht dafür einen starken geomagnetischen Sturm. Westerland auf Sylt kommt ab etwa Kp 5,3 in Frage, Hamburg ab Kp 6, Berlin ab Kp 7, Bayern ab Kp 8. Jede Ortsseite nennt Ihnen den Wert für Ihren Wohnort.

Mythos 5: Man kann Polarlichter hören

Hier wird es interessant. In Finnland und Nordnorwegen gibt es seit Jahrhunderten Berichte über ein Knistern oder Zischen während starker Polarlichter. Lange galt das als Einbildung, weil die Lichter viel zu hoch sind, um am Boden hörbar zu sein.

Einige Forscher vermuten inzwischen elektrische Entladungen in Bodennähe als mögliche Ursache. Gesichert ist das nicht. Wenn Sie in Lappland etwas zu hören glauben, sind Sie in guter Gesellschaft, aber verlassen Sie sich lieber auf Ihre Augen.

Mythos 6: Bei Vollmond lohnt sich das Rausgehen nicht

Der Mond hellt den Himmel auf und schluckt schwache Polarlichter. Ein kräftiges Polarlicht sehen Sie aber auch bei Vollmond, und die verschneite Landschaft wirkt im Mondlicht auf Fotos sogar besonders schön.

Wenn Sie die Wahl haben, planen Sie die Reise um Neumond. Wenn nicht, ist das kein Grund, die Reise abzusagen.

Mythos 7: Polarlichter sieht man nur in Richtung Norden

In Deutschland stimmt das fast immer: Das Polaroval liegt nördlich von uns, also schauen Sie Richtung Norden, am besten mit freiem Horizont über Wasser oder Feld. Bei extremen Stürmen wie im Mai 2024 reichte das Licht aber zeitweise bis in den Zenit, und einige Fotos zeigen Strahlen sogar im Süden.

In Tromsø oder Abisko ist die Lage anders. Dort liegen Sie unter dem Oval, und Polarlichter können in jeder Himmelsrichtung erscheinen, auch im Süden. Wer dort nur nach Norden starrt, verpasst manchmal das Beste.

Mythos 8: Man braucht eine teure Kamera

Vor zehn Jahren war das noch so. Heute fotografieren aktuelle Smartphones im Nachtmodus Polarlichter erstaunlich gut, vorausgesetzt, das Handy liegt ruhig auf einem Stativ oder Geländer. Viele der Bilder vom Mai 2024 aus Deutschland stammen von Handys.

Eine Systemkamera mit lichtstarkem Weitwinkel bleibt die bessere Wahl, wenn Sie Wert auf Bildqualität legen. Für Erinnerungsfotos reicht das Telefon.

Was die alten Geschichten erzählen

Manche Mythen sind schlicht schöne Volkskunde. Das finnische Wort revontulet heißt Fuchsfeuer: Ein Polarfuchs soll mit seinem Schwanz über den Schnee gefegt und dabei Funken in den Himmel gewirbelt haben.

In der Tradition der Sámi begegnet man den Lichtern mit Respekt. Wer pfeift, winkt oder sie verspottet, zieht der Überlieferung nach Unglück auf sich. In Mitteleuropa wiederum wurde das seltene rote Polarlicht über Jahrhunderte als Zeichen für Krieg, Seuche oder Feuer gedeutet, was angesichts der blutroten Färbung, die man bei uns sieht, nicht überrascht.

Häufige Fragen

Sind Polarlichter gefährlich? Für Menschen am Boden nicht. Die Strahlung erreicht den Erdboden nicht. Starke Stürme können allerdings Satelliten, GPS-Empfang und in seltenen Fällen Stromnetze stören.

Gibt es Polarlichter auch im Sommer? Ja, die Sonne kümmert sich nicht um Jahreszeiten. Im Norden ist es im Sommer aber zu hell. In Deutschland ist ein starker Sturm im Sommer prinzipiell sichtbar, solange es nachts dunkel genug wird.

Kann man Polarlichter vorhersagen wie das Wetter? Nur kurzfristig. Ausbrüche auf der Sonne sind ein bis drei Tage vorher erkennbar, die genaue Stärke zeigt sich oft erst 30 bis 60 Minuten vorher, wenn der Sonnenwind die Messsatelliten passiert.

Ist Polarlicht in Deutschland dasselbe wie in Norwegen? Physikalisch ja. Bei uns sehen Sie aber meist nur den obersten, roten Teil weit im Norden über dem Horizont, während in Tromsø der grüne Vorhang direkt über Ihnen tanzt.

Zuletzt geprüft am 22. Oktober 2026