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Lichtverschmutzung: warum Dunkelheit über das Polarlicht entscheidet

Ein mittelstarkes Polarlicht ist ungefähr so hell wie die Milchstraße. Wer die Milchstraße von zu Hause aus nicht sieht, sieht auch dieses Polarlicht nicht. Wie dunkel Ihr Standort ist, entscheidet oft mehr als die Kp-Zahl.

Kontrast ist alles

Polarlichter leuchten nicht heller, wenn es dunkler wird. Der Himmel um sie herum wird dunkler, und dadurch heben sie sich ab. In einer Stadt hellt das Streulicht von Laternen, Schaufenstern und Parkplätzen den Himmel so stark auf, dass schwache Bögen einfach darin verschwinden.

Hinzu kommt, wie unsere Augen nachts arbeiten. Im Dunkeln übernehmen die Stäbchen in der Netzhaut, die sehr lichtempfindlich, aber kaum farbtüchtig sind. Schwache Polarlichter wirken deshalb grauweiß wie eine Wolke. Eine Kamera mit langer Belichtung sammelt dagegen Licht über Sekunden und zeigt kräftiges Grün, wo das Auge nur einen hellen Schleier sieht.

Der Nordhorizont in Deutschland

Bei Polarlichtern in Deutschland gibt es ein zusätzliches Problem: Sie erscheinen tief am Nordhorizont, genau dort, wo oft die Lichtglocke der nächsten Stadt steht. Wer südlich von Hamburg oder Bremen wohnt, schaut nach Norden direkt in deren Lichtkuppel.

Auch der nötige Kp-Wert hängt am Standort. In Westerland auf Sylt und in Schleswig-Holstein reicht ab Kp 5,3 ein Blick nach Norden, in Mecklenburg ab 5,7, in Hamburg ab 6. Berlin braucht Kp 7, Bayern Kp 8, Baden-Württemberg 8,3, Wien und Zürich erst Kp 9. Je weiter südlich Sie wohnen, desto niedriger steht das Licht, und desto stärker stört jede Lampe im Norden.

Bei den Stürmen am 10. und 11. Mai 2024 und am 10. und 11. Oktober 2024 war das Leuchten so stark, dass es auch in hellen Vororten sichtbar war und in Bayern bis in die Alpen fotografiert wurde. Das sind Ausnahmen. Für alle anderen Nächte gilt: Raus aus der Stadt.

Die Bortle-Skala in einem Absatz

Astronomen beschreiben die Himmelshelligkeit mit der Bortle-Skala von 1 bis 9. Klasse 1 ist ein völlig dunkler Himmel, wie man ihn in Lappland abseits der Orte findet. Ein Stadtzentrum liegt bei 8 oder 9, ein Vorort bei 5 bis 6, ländliche Gegenden in Deutschland erreichen oft 3 bis 4. Für Polarlichter in Deutschland sollten Sie mindestens 4 anstreben, in der Arktis reicht schon der Rand einer Kleinstadt für ein sichtbares Polarlicht. Auf jeder Ortsseite steht, wie stark die Lichtverschmutzung dort ist.

Sternenparks im deutschsprachigen Raum

Es gibt sie noch, die wirklich dunklen Orte. Der Sternenpark Westhavelland in Brandenburg war der erste seiner Art in Deutschland und liegt weit genug im Norden, dass er bei starken Stürmen gute Chancen bietet. Außerdem ausgezeichnet sind das Sternenreservat im Biosphärenreservat Rhön, der Nationalpark Eifel und die Winklmoosalm in den Chiemgauer Alpen.

In der Schweiz setzt sich der Naturpark Gantrisch zwischen Bern und Thun für dunkle Nächte ein. Rhön, Eifel und Winklmoosalm liegen allerdings weit im Süden, dort braucht es sehr starke Stürme, und der Nordhorizont muss frei sein. Die Dunkelheit allein reicht nicht, die Richtung muss stimmen.

An der Nord- und Ostseeküste ist der Blick nach Norden oft über Wasser frei, und die Lichtglocken der Städte liegen im Süden. Deiche, Strände und Steilküsten sind deshalb klassische Polarlichtplätze in Norddeutschland.

Wie weit Sie im Norden fahren sollten

Unter dem Polarlichtoval genügt meist wenig. Von Tromsø aus reichen 15 bis 30 Minuten auf die Insel Kvaløya oder ins Ramfjord-Gebiet. In Rovaniemi ist der Wald schon nach 20 Minuten dunkel. In Abisko und rund um Kiruna sind Sie am Ortsrand praktisch im Dunkeln.

In Reykjavík gehen viele zum Leuchtturm Grótta am westlichen Stadtrand. Das funktioniert bei aktiven Nächten, für schwache Polarlichter lohnt sich die Fahrt Richtung Thingvellir.

Einen guten Platz wählen

Prüfen Sie den Platz möglichst bei Tageslicht. Nachts übersieht man leicht Zäune, Gräben oder die Laterne hinter der Scheune.

  • Freie Sicht nach Norden, bei starken Stürmen auch nach oben
  • Keine Straßenlaternen oder beleuchteten Höfe in direkter Nähe
  • Ein See, eine Bucht oder ein Deich im Norden, Wasser verdoppelt das Licht im Spiegelbild
  • Ein leichter Hügel über Bodennebel, nicht ein Tal mit Kaltluftsee
  • Ein sicherer Parkplatz, kein Halt am Straßenrand

Der Mond als natürliche Lichtverschmutzung

Der Vollmond hellt den Himmel ähnlich auf wie ein Vorort. Über Schnee wirkt das noch stärker, weil die weiße Fläche das Licht zurückwirft. Starke Polarlichter sehen Sie auch bei Vollmond, schwache gehen darin unter.

Planen Sie Reisen nach Möglichkeit um den Neumond herum. Bei zunehmendem Mond lohnen sich die Stunden nach Monduntergang, bei abnehmendem die Zeit vor Mondaufgang. Fotografisch hat Mondlicht auch Vorteile, es zeichnet Berge und Bäume im Vordergrund.

Helle Nächte und Dämmerung

Im arktischen Sommer wird es nicht dunkel. In Tromsø beginnt die Polarlichtsaison deshalb erst im späten August und endet Mitte April. September ist dort einer der stärksten Monate, mit Polarlichtern in rund 20 % der Nächte, in Abisko ist es der Januar mit 34 %.

Auch in Norddeutschland ist um die Sommersonnenwende der Nordhimmel die ganze Nacht nicht völlig dunkel. Die besten Chancen bei uns liegen in den langen Nächten von Herbst bis Frühjahr.

Ihre eigenen Lichtquellen

Die Augen brauchen etwa 20 Minuten, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ein kurzer Blick auf das helle Handydisplay macht das teilweise zunichte. Stellen Sie das Display auf minimale Helligkeit oder einen Rotfilter, nutzen Sie eine Stirnlampe mit Rotlicht und schalten Sie Scheinwerfer aus, wenn andere neben Ihnen fotografieren.

Häufige Fragen

Kann ich Polarlichter in der Stadt sehen? In Tromsø, Rovaniemi oder Reykjavík bei guter Aktivität ja, nur deutlich blasser. In deutschen Städten nur bei außergewöhnlichen Stürmen wie im Mai 2024, und selbst dann war das Bild außerhalb viel eindrucksvoller.

Wo ist es in Deutschland am dunkelsten und gleichzeitig gut für Polarlichter? Gute Kombinationen aus Dunkelheit und nördlicher Lage bieten die Küsten von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, die Nordseeinseln und der Sternenpark Westhavelland.

Hilft ein Lichtverschmutzungsfilter vor dem Objektiv? Kaum. Solche Filter sind auf bestimmte Lampentypen abgestimmt, moderne LED-Beleuchtung strahlt über ein breites Spektrum. Bei Polarlichtern können sie zudem die Farben verfälschen. Ein dunkler Standort bringt mehr.

Warum sehe ich auf dem Foto mehr als mit den Augen? Die Kamera sammelt über mehrere Sekunden Licht und sieht Farben auch bei geringer Helligkeit. Das Auge kann das nicht. Ein schwaches Polarlicht, das Sie als grauen Schleier wahrnehmen, erscheint auf dem Foto deshalb klar grün.

Zuletzt geprüft am 16. Oktober 2026